Seite auswählen

Es gibt Zeiten, da scheint mein Hirn ein endloses Reservat an Ideen und Inspiration zu sein. Initiale Ideen formen sich beinahe von alleine zu Hintergründen oder wichtigen Wendepunkten zusammen. Dieses Gefühl ist berauschend und Eingebungen zu folgen sowohl spannend als auch lohnend.

Doch es gibt auch die anderen Zeiten. Die Momente, in denen ich eine leere Seite anstarre und nicht weiß, wo ich beginnen soll. Die Inspiration scheint Urlaub zu machen.

Es sind diese Situationen, in denen ich einen Tapetenwechsel brauche… und Zeit für die Beobachtung anderer Menschen.

Die subtile Kunst Menschen zu studieren

Nehmt euch etwas zu schreiben und setzt euch in ein Café oder an einen Ort, an dem sich viele Menschen tummeln. Ein Park vielleicht, ein Einkaufszentrum oder ein Zug. Ihr solltet in der Lage sein, eure Beobachtungen bequem nieder zu schreiben, daher ist stehen oder herum laufen eher schwierig (falls ihr nicht auf ein Diktiergerät zurück greifen wollt). Sucht nach einem Platz mit etwas Privatsphäre und einem guten Rundumblick.

Macht es euch bequem, trinkt etwas und lehnt euch zurück. Es ist an der Zeit, loszulegen. Lasst euren Blick gemächlich über die Menschen gleiten, ohne jemanden mit offensichtlichen Blicken zu durchbohren. Ihr wollt nicht den Eindruck eines seltsamen Stalkers machen. Lasst einfach die gesamte Kulisse auf euch wirken.

Jetzt könnt ihr erste Beobachtungen machen.

Eindeutige Personenbeschreibungen erschaffen

Diese Übung hilft euch, eindeutige und lebendige Personenbeschreibungen zu schreiben. Braune Haare und braune Augen sind generische Merkmale, welche auf viele Menschen zutreffen und – was noch viel schlimmer ist – sie hinterlassen kein identifizierbares Bild im geistigen Auge eurer Leser. Daher ist es wichtig, eindrückliche und einzigartige Beschreibungen zu verwenden.

Setzt euren Detektivhut auf und beobachtet die Menschen um euch herum. Stellt euch vor, ihr müsst eine Identifizierung für die Polizei machen. Was für eine Haltung hat die Person? Was für eindeutige Merkmale?

Schaut euch die Gesichter an. Was sticht auf die eine oder andere Art heraus? Haben sie dünne Lippen? Oder besonders volle? Buschige Augenbrauen? Einen breiten Kiefer? Eine winzige Nase? Erkennt ihr ein Muttermal? Oder viele Falten?

Nehmt ihre Körper unter die Lupe. Haben sie einen athletischen Körperbau? Übergewicht? Einen dicken Bauch? Oder eine winzige Taille?

Schaut euch auch ihre gesamte Erscheinung und ihren Kleidungsstil an. Tragen sie besonders modische Kleider? Teure? Oder scheinen sie sich nicht um ihr Aussehen zu kümmern? Vielleicht erkennt ihr einen auffallenden Haarschnitt? Oder fettiges Haar? Schäbige und abgetragene Kleidung?

Beobachtet ihre Bewegungen. Was fällt euch an ihrem Verhalten auf? Sind sie Linkshänder? Strahlen sie Selbstvertrauen aus? Oder Schüchternheit? Wie? Haben sie einen Buckel? Könnt ihr einen Tick identifizieren? Oder eine auffällige Art zu Gehen?

Andere Menschen zu betrachten ist eine gute Möglichkeit ein Gefühl für unterschiedliche Erscheinungen zu bekommen und es ist faszinierend wie unterschiedlich Beschreibungen sein können. Konntet ihr die Menschen um euch durch eure Darstellung identifizierbar machen?

Hintergründe ausdenken

Fühlt ihr euch bei den Beschreibungen anderer Menschen geübt, könnt ihr einen Schritt weiter gehen und euch eine Hintergrundgeschichte zu ihnen überlegen. Lasst eurer Fantasie freien Lauf und fantasiert darüber, woher diese Menschen kommen und was für eine Art Leben sie führen.

Sucht euch ein Merkmal der jeweiligen Person aus und spinnt eine Geschichte um dieses. Habt ihr eine Narbe bemerkt? Wie ist das passiert? Vielleicht ist er als Junge hingefallen und hat sich verletzt. Oder er ist ein Assassine, der im Kampf verwundet wurde. Habt ihr besonders heruntergekommene Kleidung erspäht? Vielleicht ist sie von Zuhause weg gelaufen? Oder sie hat all ihr Geld gespendet, um anderen zu helfen? Oder sie ist eine traumatisierte Millionärin, die vor ihrer Vergangenheit davon läuft. Ihr könnt so realistisch oder so absurd sein wie ihr wollt.

Alternativ könnt ihr den Gesamteindruck einer Person als Grundlage für eure Vermutungen nehmen. Seht ihr beispielsweise eine junge Dame in eleganter Kleidung, perfekt gepflegten Haaren und Nägeln und einer selbstbewussten Haltung, dann könnte sie die Tochter eines reichen Haushalts sein, die auf der bequemen Seite des Lebens lebt. Sie könnte natürlich auch ein junges Genie sein, die eine profitable Software entwickelt hat und jetzt ein Leben im Luxus führen kann. Die gleiche Erscheinung, aber ein komplett unterschiedlicher Hintergrund.

Ihr könnt euch hier alles mögliche ausdenken, nichts ist falsch. Rückschlüsse aufgrund von Merkmalen auf die Vergangenheit einer Person zu schließen ist hilfreich, wenn ihr eure eigenen Charaktere erschafft. Es macht Spaß eurer Person ein Merkmal zu verpassen, welches mit dessen Vergangenheit verknüpft ist. Und es macht eure Person obendrein authentischer.

Wenn ihr lernt, wie die Erscheinung einer Person mit deren Vergangenheit verbunden ist könnt ihr dies auf zweierlei Arten verwenden: Wenn ihr wisst, wie sich eine Person zum Zeitpunkt der Geschichte verhalten soll, dann könnt ihr Rückschlüsse auf deren Vergangenheit machen. Oder ihr überlegt euch die Vergangenheit zuerst und schlussfolgert daraus, wie diese Person während eurer Geschichte aussieht und wirkt.

Geschichten spinnen

Natürlich müsst ihr euch nicht nur auf die Vergangenheit eines Menschen beschränken, ihr könnt euch auch überlegen, in was für Geschichten diese Menschen verstrickt sind. Dies finde ich besonders spannend, denn immerhin sind wir somit Teil dieser Geschichte. Auch hier könnt ihr so exzessiv oder realistisch sein wie ihr möchtet.

Ihr könnt hier euer bevorzugtes Genre als Filter verwenden, um Vermutungen anzustellen. Schreibt ihr beispielsweise romantische Geschichten, dann liegt euer Fokus auf romantischen Begebenheiten. Seht ihr eine traurig aussehende Mutter, die ihr Baby herum trägt, dann könnte ihr Mann z.B. als Soldat im Krieg sein. Er könnt natürlich ebenso gut eine Affäre haben, deren sie sich bewusst ist. Vielleicht ist er auch verstorben und sie kann sich und ihr Baby kaum über Wasser halten. Falls ihr den Blickkontakt zweier Leute bemerkt, steckt vielleicht ein Verhältnis dahinter. Oder sie ist die Liebe seines Lebens und sie haben sich gerade unerwartet wieder gesehen.

Schreibt ihr jedoch Thrillers, seht ihr vermutlich etwas gänzlich anderes. Die junge Mutter könnte das nächste Opfer eines Serienkiller sein. Oder sie ist eine Undercover-Polizistin im Einsatz. Der Mann, der den Blickkontakt mit der Frau hat, könnte ein Spion sein, der eine Kriminelle jagt. Oder er ist ein Betrüger auf der Suche nach seinem nächsten Opfer.

Ihr müsst euch natürlich nicht nur auf euer Genre beschränken. Ich finde es ziemlich faszinierend verschiedene Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Bücher beinhalten eine Vielfalt unterschiedlicher menschlicher Interaktionen und Verbindungen und wenn ihr die Menschen um euch herum mit einem offenen Geist betrachtet, lernt ihr solche selbst zu formen.

Da habt ihr es. Drei Möglichkeiten die nächste Kaffeepause spannender zu gestalten und die Menschen um euch unter die Lupe zu nehmen. Versucht es und erzählt uns, wie es gelaufen ist. Habt ihr noch weitere Ideen? Hattet ihr Spaß dabei? Schreibt uns einen Kommentar.

Ähnliche Artikel

Anleitung zur Spiegelung von Charakterzügen im Aussehen

Einen Charakter vorzustellen und diesen auf Papier zum Leben zu erwecken ist eine wichtige und herausfordernde Aufgabe. Das simple Aufzählen von Charakteristiken ist einfallslos, unkreativ und einfach nicht akzeptabel. Auch wenn eure Person eine vielschichtige und...

Tiefgang durch Schwächen

Menschen sind keine Roboter. Menschen sind alles mögliche, aber sicherlich nicht perfekt. Zum Glück nicht! Es sind diese sogenannten Schwächen, die eine Person realistisch und lebendig, interessant und potentiell sympathisch machen. Doch was sind Schwächen? Kurz...

Die Macht des Antagonisten

Ich liebe einen guten Antagonisten. Geht es euch nicht auch so? Euer Protagonist braucht ordentliche Gegenwehr, denn ohne sie habt ihr keinen Konflikt, keine Spannung und auch keine Entwicklung. Eine gute Geschichte lebt von Konflikt und Spannung, ohne diese ist sie...

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.