Seite auswählen

Die Erzählperspektive gibt Aufschluss darüber, aus welcher Sicht eine Geschichte erzählt wird und über welches Wissen der Erzähler verfügt. Dabei wird zwischen vier verschiedenen Erzählperspektiven unterschieden:

  • Ich-Erzähler
  • Personaler Erzähler
  • Auktorialer Erzähler
  • Neutraler Erzähler

Bei allen Vieren gilt, dass der Autor nicht mit dem Erzähler identisch ist.

Ich-Erzähler

Der Ich-Erzähler ist selbst Teil der erzählten Geschichte. Die Sicht ist auf die Gedanken und das Erleben des Erzählers beschränkt.
Es gibt zwei Arten des Ich-Erzählers:
Der auktoriale Ich-Erzähler und der personale Ich-Erzähler. Der auktoriale Ich-Erzähler (das erzählende Ich) blickt dabei in die Vergangenheit zurück und berichtet von Dingen, die er erlebt hat. Der personale Ich-Erzähler (das erlebende Ich) ist gerade selbst in der Situation und berichtet, was er gerade erlebt.

Romanbeispiele:

Suzanne Collins : Tribute von Panem – tödliche Spiele (personaler Ich-Erzähler)

„Prim!“ Ein erstickter Schrei aus meiner Kehle, meine Muskeln werden aktiv. „Prim!“ Ich muss mir nicht erst einen Weg durch die Menge bahnen. Die anderen Kinder machen sofort Platz und räumen einen Durchgang zur Bühne. Genau in dem Augenblick, als sie die Stufen erklimmen will, bin ich bei ihr. Mit einer Armbewegung schiebe ich sie hinter mich.
„Ich gehe freiwillig!“, keuche ich. „Ich gehe freiwillig als Tribut!“

Mark Twain: Die Abenteuer des Huckleberry Finn (auktorialer Ich-Erzähler)

Nu, das Ende von dem Buch geht so: Tom und ich haben das Geld gefunden, was die Räuber in der Höhle versteckt hatten, und das machte uns zu reichen Leuten. Wir kriegten sechstausend Dollars pro Nase – alles Gold.

Personaler Erzähler

Umgangssprachlich auch oft er/sie- Erzähler genannt, da in der 3. Person Singular erzählt wird. Wie auch beim Ich-Erzähler beschränkt sich die Sicht auf die Wahrnehmung der erzählenden Figur.

Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Gefangene von Askaban

Harry wich zurück – er stieß mit dem Bein gegen seinen Koffer und stolperte. Der Zauberstab flog ihm aus der Hand, als er einen Arm ausstreckte, um den Sturz abzufangen, und er landete schmerzhaft im Rinnstein.

Auktorialer Erzähler

Besser bekannt als „der allwissende Erzähler“. Der Erzähler ist selbst nicht Teil der Geschichte, sondern betrachtet das Geschehen als Außenstehender. Der auktoriale Erzähler sagt immer die Wahrheit und weiß, was alle Figuren machen und denken (was nicht bedeutet, dass er alles sagen muss!) Außerdem kennt er den Verlauf der Handlung und kennt somit sowohl die Zukunft als auch die Vergangenheit.

J. R. R. Tolkien: Der kleine Hobbit

Unsere Geschichte nun handelt von einem Beutlin, der dennoch in ein Abenteuer hineingeriet und der sich dabei ertappen musste, wie er Dinge sagte und tat, die ihm niemand zugetraut hätte. Die Achtung seiner Nachbarn mag er dabei verloren haben, aber er gewann – na, ihr werdet ja sehen, ob er am Ende auch etwas gewann.

Neutraler Erzähler

Der neutrale Erzähler ist selbst nicht Teil der Geschichte und bleibt quasi unsichtbar – weshalb man auch vom erzählerlosen Erzählen spricht. Er führt durch die Ereignisse ohne zu kommentieren oder zu werten. Er überlässt es dem Leser, sich ein Urteil zu bilden. Der neutrale Erzähler hält sich von der Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren fern. Diese Erzählweise wird auch als „Camera-Eye“ bezeichnet, weil die Handlung wie durch eine Kamera betrachtet wird.
Der neutrale Erzähler wirkt sachlich und nüchtern, der Leser erfährt keine große Nähe zu den Figuren.

Ich selbst habe bisher keinen Roman in dieser Erzählform gelesen, doch laut meinen Recherchen sind „die Buddenbrooks“ von Thomas Mann und „Effi Briest“ von Theodor Fontane in dieser Perspektive geschrieben worden.

Der neutrale Erzähler ist am einfachsten zu verstehen, wenn man ihn mit einer anderen Perspektive vergleicht:

Personaler Erzähler
Karl dachte sofort an Jana und den gestrigen Abend als das Telefon klingelte. Voller Vorfreude und mit pochendem Herzen eilte er ins Wohnzimmer und nahm ab. Leider war es nur Ben.

Neutraler Erzähler
Das Telefon klingelte. Karl eilte ins Wohnzimmer und nahm ab. Es war Ben.

Auch in diesem Beispiel bleibt der neutrale Erzähler dem Leser die Gefühle und Gedanken schuldig. Er erfährt nichts von Karls Gedanken und dass er enttäuscht ist, dass Ben am anderen Ende Leitung ist.

Für welche Erzählperspektive ihr euch entscheidet ist eurer persönlichen Präferenz überlassen, solange ihr die jeweiligen Sichtweisen einhaltet. Sowohl ich, als auch Nadine bevorzugen den personalen Erzähler. Wie steht es mit euch? Was ist euer Favorit?

Ähnliche Artikel

Erst schreiben, dann überarbeiten – die Vorteile

Über das heutige Thema habt ihr sicherlich schonmal etwas gehört. Es gibt verschiedene Wege das erste Manuskript zu schreiben, doch ich bin eine große Befürworterin davon, die erste Version zu schreiben, ohne nebenher zu korrigieren. Lasst mich euch erklären, wieso....

Verbessert euer Handwerk durch tägliches Schreiben

Wir sind, was wir regelmäßig tun. Hervorragende Leistung ist also keine Handlung, sondern eine Gewohnheit. - Will Durant Die meisten werden dieses Zitat bereits kennen und ich muss gestehen, dass ich es ziemlich gerne mag. Es lässt Raum zur Verbesserung und für...

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.